
Deutschlandfunk Kultur war bei uns zu Gast – und hat sich für die Sendung Echtzeit angesehen, was gerade wieder durch unsere Vitrinen und über unsere Liege wandert: das Bauchnabelpiercing.
In unseren Vitrinen liegen Ketten, Ringe, Stäbchen und Stecker für so ziemlich jede Körperregion, und trotzdem fällt in letzter Zeit auf, wie oft es wieder um genau dieses eine Piercing geht.
Zwischen hellen Räumen, alten Möbeln, floralen Mustern auf Stoff und Tapete und den asiatisch inspirierten Zeichnungen an unseren Wänden haben wir dem Reporterteam gezeigt, wie so ein Piercing überhaupt entsteht – von der ersten Beratung über das Anzeichnen bis zum Stich.
Dazu haben wir unsere Eindrücke aus dem Studioalltag geteilt: Wer bei uns auf der Liege liegt und was so ein Piercing für die Menschen bedeutet. Die größere kulturelle Einordnung – warum die Nachfrage nach diesem vermeintlichen 90er-Relikt gerade wieder steigt – lieferte im Beitrag Diana Weiß, Professorin für Modejournalismus. Und genau dieses Zusammenspiel aus Alltag einerseits und Modetheorie andererseits macht das Thema so spannend.
Die Geschichte des Bauchnabelpiercings
Man kennt die Bilder: die Hochzeit der Bauchnabelpiercings in den 90ern und frühen Nullerjahren. Die meisten davon sind längst wieder draußen. Und trotzdem ist das Piercing zurück – nur diesmal vielleicht etwas weniger rebellisch und weniger erotisch aufgeladen als damals.
Die genauen Ursprünge sind gar nicht so klar. Während sich viele andere Piercings bis in antike Kulturen zurückverfolgen lassen, wird beim Bauchnabelpiercing vermutet, dass es eher aus den Sub- und Fetischkulturen des 20. Jahrhunderts stammt. Seinen großen Auftritt in Popkultur und Zeitgeist hatte es dann in den 90ern – ein früher Schlüsselmoment war das Musikvideo zu „Cryin’“ von Aerosmith, in dem sich eine junge Alicia Silverstone ganz nebenbei den Nabel stechen lässt. Damals war das ein echtes Statement.
„Wo das noch nicht so massenkompatibel war, war das erst mal: Wow, du hast so etwas gemacht“, erinnert sich Piercer Byxe – bürgerlich Timo Herz –, der seit 26 Jahren in diesem Beruf arbeitet. Ein Stück Abgrenzung, ein bisschen Coolness, ein bisschen Rebellion gegenüber Eltern oder Großeltern.
Ein Schwellen-Piercing
Für die Sendung ordnete auch Diana Weiß, Professorin für Modejournalismus, das Phänomen ein. Sie beschreibt den Nabelschmuck als eine Art Schwellen-Piercing: Die Hürde, sich überhaupt erstmals stechen zu lassen, ist niedrig. Anders als ein Piercing im Gesicht lässt es sich schnell wieder verdecken – und genauso schnell wieder verstecken.
Gleichzeitig war es nie ganz harmlos. Man denke an Christina Aguilera, an die Super-Low-Rise-Hosen der 2000er, an eine sehr offensive, sehr bewusste Selbstinszenierung des Körpers. Ein Look zwischen super-sexy und tough zugleich – frech, selbstbestimmt, ein bisschen provokant.
Dass das Piercing gerade jetzt wiederkommt, hat für Diana Weiß viel mit der allgemeinen Nostalgie und dem Comeback der Y2K-Ästhetik zu tun – also der Optik, Musik und Mode rund um das Jahr 2000. In der Modetheorie spricht man von shifting erogenous zones: Die Körperpartien, die im Fokus der Aufmerksamkeit stehen und von der Mode betont werden, wechseln immer wieder. Aktuell rückt eben die Körpermitte zurück ins Zentrum – befeuert von Low-Waist-Hosen und einem neuen Fitnesskult bei jungen Leuten, die gern zeigen, was sie haben.
Auch der Blick auf die Popkultur passt: Vanity Fair, Vogue und Vice haben über die Rückkehr des Bauchnabelpiercings geschrieben, das heute junge Stars wie Addison Rae, Ice Spice oder Billie Eilish wieder tragen.
Wer sich heute ein Bauchnabelpiercing stechen lässt
In dieser Tradition wundert es kaum, dass es nach wie vor vor allem Frauen sind, die zu uns kommen. Umso mehr freuen wir uns, wenn mal ein Mann auf der Liege liegt. Eine unserer Lieblingsgeschichten: Zwei ziemlich coole, bierbäuchige Herren, von denen einer eine Wette verloren hatte – und sich prompt einen pinken Stein einsetzen ließ.
An dem Tag, an dem Deutschlandfunk Kultur bei uns war, kam Marinella. Bei ihr saß früher schon einmal ein Piercing, das sie während der Schwangerschaft nicht herausgenommen hatte; danach hielt es nicht mehr richtig. Also haben wir es reaktiviert – und ihr, wie bei so einem Anlass sinnvoll, zu einem Stecker statt zu einem Ring geraten. „Mit 35 hatte ich einfach wieder Lust darauf“, sagt sie.
Bauchnabelpiercing stechen: So läuft es ab
Ein Bauchnabelpiercing ist kein Selbstläufer. Erst prüfen wir, ob es die Anatomie der Bauchnabelfalte überhaupt zulässt. Dann zeichnen wir an, messen ab und kontrollieren, ob im Stehen und im Liegen alles gleich gut sitzt.
Bei Marinella lief es so ab, wie wir es hunderte Male gemacht haben: mit der einen Hand die Falte angehoben, mit der anderen die sterile Zange angesetzt, die Position sauber in der Mitte fixiert – damit die Nadel weder zu tief noch zu flach herauskommt. Tief einatmen, ausatmen, und stechen. „Es ging wirklich gut durch“, so Marinella. Wir ziehen den Stecker durch die Nadel, lösen die Hohlnadel vorsichtig und verschließen das Ende mit einer kleinen Kugel. Kurz darauf steht sie glücklich vor dem Spiegel.
Ein Bauchnabelpiercing ist für viele mehr als nur Schmuck
Für viele ist das Bauchnabelpiercing schlicht ein schönes Accessoire. Für manche ist es mehr. Marinella verbindet damit ein Stück Freiheit – und ein Wiederfinden einer Persönlichkeit, die über die Jahre etwas verloren gegangen war.
Ihr Verhältnis zu ihrer Körpermitte war schon vorher gut: „Ich liebe meinen Bauch. Mein Bauch hat mir ermöglicht, ein Kind zu bekommen.“ Und trotzdem, sagt sie, sorgt das kleine Stück Schmuck dafür, dass sie ihn jetzt vielleicht noch ein bisschen lieber anschaut.
Genau das ist es, was diesen Beruf nach 26 Jahren immer noch schön macht.
Den gesamten Beitrag anhören: Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit – „Die Mitte, geschmückt: Das Bauchnabelpiercing ist wieder da“


